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FRAGEN ZU 20 JAHREN FILOU FOX
Filou Fox
- das sind Achim Fuchs und Christian Kruse. Seit
1989 spielen die beiden Musiker Figurentheater. Sie erzählen
feinfühlig spannende Geschichten, die auch immer etwas
mit ihrer eigenen Lebensgeschichte zu tun haben, setzen Klassiker
gekonnt in den heutigen Kontext um.
Ende Oktober 2009 haben "Filou Fox" anlässlich
ihres Jubiläums für vier Tage ins Figurentheaterhaus
Theatrio Hannover eingeladen, einen Blick hinter die Kulissen
zu werfen.
Hier nun geben Achim Fuchs und Christian Kruse Auskunft über
20 Jahre Filou Fox in Art einer Selbst-Befragung. Denn jeder
hat für sich die Fragen beantwortet.
1. 1989
war Wende + Mauerfall. War die Gründung von Filou Fox eine
Wende in eurem Leben?
Fuchs:
Im Nachhinein besehen vielleicht schon. Damals fühlte es
sich nicht sooo neu an. Wir kannten das Gefühl auf der
Bühne zu stehen schon lange - hatten auch vorher schon
bei den Auftritten mit den Bands immer wieder kleine Geschichten
inszeniert. Aber dies war der Beginn eines neuen, eigenen Theaters.
Und nun schon 20 Jahre Selbstorganisation! Kein Manager, kein
Produzent, der sagt wo es lang geht! Der Schritt in die Selbstständigkeit
und Eigenverantwortung!
Kruse:
Nein - der Mauerfall war ein (paralleles) zeitgeschichtliches
Ereignis. Dennoch - mit dem Puppenspiel betraten wir neues Terrain.
Das Spiel mit den Figuren kam zu unseren Ausdrucksmitteln wie
Musik und Theater dazu und öffnete einen Zugang zu einer
neuen Welt.
2. Wie werden Rock&Roller Puppenspieler?
Fuchs:
Gezwungen sich weiter umzusehen - Musik nährt nicht immer
die Familie - motiviert durch Freunde - inspiriert durch/von
der Vielseitigkeit des Mediums Figurenspiel - fasziniert von
der Kraft der Geschichten.
Kruse:
Die Gründung des Theaters war in eine Zeit des Umbruchs
eingebettet. Nach dem Ausbleiben eines größeren musikalischen
Erfolgs waren wir auf der Suche nach etwas Neuem.
3. Was/wer steckt hinter Filou Fox?
Fuchs:
Wir - die Familien - das Team - die Fans - die Freunde.
Kruse:
Außerdem - ein Wunsch nach künstlerischem Ausdruck,
dem Erzählen interessanter Geschichten, die berühren
und zur Auseinandersetzung anregen.
4. Euer erster Auftritt?
Fuchs:
Premiere mit "Peterchens Mondfahrt" - knapp vor Beginn
der Aufführung Stromausfall im gesamten Stadtteil ... der
dauert eine knappe Stunde ... ca. 200 Besucher werden unplugged
mit FilouFoxLiedern bestens unterhalten ... danach eine gelungene
Premiere mit dem guten Gefühl: was kann jetzt noch groß
schiefgehen?
Kruse:
Der erste Auftritt war am Nikolaustag am 06.12.1989 im Raschplatzpavillon
in Hannover. Die Aufführung war mehr als ausverkauft. Viele
Freunde und Bekannte waren neugierig darauf, wie wir etwas Neues
starteten. Bestimmt wurde unser Tun auch mit Skepsis betrachtet.
Aber schon bei "Peterchens Mondfahrt" zeigte sich,
dass unser Konzept aufging, sich einer bekannten Vorlage zu
bedienen und in einer Mischung aus Humor, Musik und Spielfreude
auf eigene Art und Weise darzustellen.
5. Euer musikdramaturgisches Konzept - gibt es eine bestimmte
Art, die Musik einzusetzen?
Fuchs:
Das hängt von der Produktion ab! "Volle Kraft voraus"
ist angelegt als musikalische Weltreise - so sind auch die Lieder
bewusst eingebettet in die Spielszenen und sollen auch motivieren
mitzuwippen, oder gar -zusingen! In anderen Produktionen sind
es Farbklänge, die das Geschehen auf der Bühne tragen,
zusammenhalten.
Kruse:
Wir haben Inszenierungen mit musikalischem Schwerpunkt, wie
"Kleine Köpfe - Große Welten", "Volle
Kraft voraus" oder "Die Hutshow". Aber auch in
Stücken wie "Max & Moritz" präsentieren
wir viele Lieder, die nützlich sind für die Gesamtatmosphäre.
6. Wie
verbinden sich Figurenspiel und Musik? Favorisiert ihr eine
Figurenart?
Fuchs:
Intuitiv
bei der Erarbeitung kommt es eigentlich fast
wie von selbst, dass plötzlich entweder eine Figur ein
eigenes Lied oder eine Szene eine eigene Stimmung/Untermalung
bekommt. Auch ist es dann unterschiedlich, ob wir live oder
per Einspielung musikalisch zuarbeiten.
Kruse:
In den meisten Inszenierungen verwenden wir Tischfiguren. Es
kommt aber auch mal ein Kasperräuberkopf ohne Kleid aus
der eigenen Kindheit wieder zum Einsatz. Wir sehen die einzelnen
Elemente wie Figurenspiel und Musik in unserer Darstellungsweise
als Werkzeuge an, die "Filou Fox" ausmachen.
7. Was
macht Filou Fox darüber hinaus aus? Euch wird eine große
Bühnenpräsenz nach gesagt...
Fuchs:
Naja, wir würden immer so spielen, als wäre es das
erste und letzte Mal!! Ja, so sagen es manche - ich glaube,
wir haben schon immer noch dieses Brennen, das Aufgeregt sein
und eigentlich auch immer die Spiellust aufs Ganze zu gehen
Es ist halt auch kein Erzähltheater in Richtung "es
war einmal
", sondern durch die Mischung von Schau-
und Figurenspiel sind wir als Person direkt in das Spielgeschehen
mit eingebunden
werden von den Figuren, von uns immer
wieder überrascht und zur Reaktion gefordert
Der Ladenbesitzer, der in der Schatzinsel seinem Kunden erst
mit Hilfe eines Brötchens und einer Marmelade Jim und seine
Mutter vorstellt, geht immer mehr in die Geschichte und nimmt
den Kunden und die Zuschauer schnell mit in das Geschehen
Kruse:
Wir erreichen die Kinder durch direktes und authentisches Theaterspiel.
Das heißt, wir sprechen die Zuschauer direkt an, binden
sie mit ein und verstehen es, Einwürfe aufzugreifen und
zu integrieren. Auch nach der Aufführung sind wir als Kapitän
Prächtig und Ole noch präsent, scheuen nicht den Kontakt.
Die Mischung der einzelnen Darstellungen wie Puppenspiel, Schauspiel,
Objekttheater und Livemusik in interessanten Kulissen (eine
Ladentheke, ein überdimensionales Bilderbuch, eine Küchenecke)
machen eine gelungene Umsetzung aus. Die Erzählerrollen
wie Bauer, Postbote oder Straßenkehrer verwenden gewöhnliche
und auch außergewöhnliche Requisiten und sind glaubhaft.
Dabei holen diese ihr Publikum zum Miterleben einer Geschichte
ab.
8. Ihr seid produktiv ... Woher kommen die Ideen?
Fuchs:
Oft während der Tourneen - bei gemeinsamer Zeit im Auto
- Abende in Hotelzimmern - Gitarrensessions und spontane Textereien
- Durchforsten von Buchläden - Improvisieren.
Kruse:
Wir sind als Figurenspielerpartner nicht nur auf der Bühne
sehr viel zusammen, Ideen entstehen im Auto und an Abenden in
Hotelzimmern während einer Tournee.
9. Wie
ist die Arbeit zwischen euch aufgeteilt!?
Fuchs:
da gibt es eigentlich keine klare Aufteilung -ist eher doch
etwas zufällig
Kruse: Jeder macht, was er am besten kann und das darf
auch mal wechseln.
10. Ihr singt und spielt - baut ihr auch die Puppen etc.??
Fuchs:
Wir machen tatsächlich viel, aber zum Glück nicht
alles - es fängt an mit einer Idee - dann überlegen
wir: Wie? Mit wem? Mit welchen Stoffen/Materialien lässt
sich die Idee am besten umsetzen - wie sollen die Figuren sein?
Wer kann diese Art am Besten
So entsteht immer wieder ein Team: Figuren-, Requisiten- und
Bühnenbauer, Kulissenmaler, Grafiker für die Werbung,
Kostümbildner, Regie etc. ...
Kruse:
Die Zusammenarbeit inspiriert und bildet ein Gesamtwerk. Klar,
die Richtung geben wir vor und die Musik und die Ausstattung
mit Gegenständen von Flohmärkten ist eine Leidenschaft.
Solche Ausstattungen bringen ihre ganz eigenen Geschichten mit.
Da werden verschiedene Flaschen zu Körpern von Figuren,
Weinkisten zu Flößen und Blockhütten, wie zum
Beispiel in Tom Sawyer & Huckleberry Finn. Jürgen Maaßen
hat den Flaschenkörpern sehr gelungene Flaschenköpfe
geschnitzt. Es sind tolle Figuren entstanden. Auch im Bühnenbild
finden sich whisky-farben eingefärbte Segel wieder.
11. Welche Rolle spielt das Figurentheaterhaus Theatrio?
Fuchs:
Ein bisschen mehr Heimat - ein Ort, an dem auch etwas wachsen
kann, entstehen und auch mal stehen bleiben kann ... Dadurch
Zeit für Betrachtung ... Reibung mit dem Publikum/den Kollegen
... mehr Auseinandersetzung ... nicht nur in der Art des Spiels,
sondern auch in der Art des Veranstaltens den Besuchern zu zeigen:
das sind wir, das wollen wir unserem Publikum geben ... aber
auch mehr Aufgaben, die sonst nicht wären: fängt beim
Aufschließen der Türen an ... über das Reinigen,
Umsorgen, Renovieren und endet nicht beim Zuschließen
der Tür ... Gedanken an Sponsoren, Anträge etc.
Kruse:
Es schafft eine ganz andere Wahrnehmung auf der gesellschaftlichen
und auch politischen Ebene in der Stadt. Künstlerisch ist
es ein Ort der Möglichkeiten wie Aufführungen, Workshops
und dem Proben von neuen Stücken. Kunst ist schön
- macht aber auch viel Arbeit, wie Karl Valentin sehr trefflich
sagte.
12. Zurück zu eurem Jubiläum. 20 Jahre Filou Fox:
Die wichtigsten Etappen ...
Fuchs: Die Gründung .... Papa Kruse im Kampf mit
der Holzbühne ... Inszenierung eines Stücks für
eine Friseurmesse - daraus die Erfahrung: Fließbandfigurenspiel
ist es nicht!!
Das Gefühl: eigene Produktionen (Volle Kraft voraus - Das
Geheimnis der grünen Koralle - Kleine Köpfe, große
Welten) kommen ebenso gut an wie bekannte Vorlagen.
Die Geburt unserer Kinder.
Austausch mit anderen Kollegen. Viele aufregende Kilometer Theaterstrecke!
Krisen gemeinsam überwunden zu haben.
Kruse:
Das Entstehen, der Erfolg, die Theaterpreise, wie z.B. der Landestheaterpreis
für freie Theater Niedersachsen 2000 für die Produktion:
Die SCHATZINSEL und natürlich das Dranbleiben und die
viele Auftritte quer durch das Land.
13. Statistik: Wie viele Bühnen bespielt, Kilometer
gefahren, Kinder bespaßt, Taschentücher verbraucht
etc. ...
Fuchs:
600.000 km Fahrbahnstreifenmeditation - 78.000 Liter Diesel
- 170.000 Besucher (140 Gastspiele im Jahr à 60 Besucher);
durchgelegene Hotelbetten - Halstabletten - Einkaufsparadiese
- Kinobesuche - Spielzeugläden.
Kruse:
287 x Aschenbecherschreck (Lehrer Lempels Pfeifenexplosion);
6 bis 7 verschiedene Handymodelle verbraucht - bei einer Bank
geblieben - 3 verschiedene VW Busmodelle - 3 Ford Transits in
verschiedenen Farben - 1 Frontalzusammenstoß (Totalschaden)
- 1 leichten Unfall in Hamburg.
14. Kann man vom Puppenspiel leben?
Fuchs:
Davon, dafür, dadurch - mal mehr und mal weniger ... aber
bislang geht es, und das besser als gedacht...
Kruse:
Die wohl uns am häufigsten gestellte Frage. Ja, man kann!
Doch für ausreichende Altervorsorge ist es schwierig. Schön
wäre es, später entscheiden zu können, ob man
noch spielen möchte und nicht dass man muss!
15. Wie lange noch Filou Fox - was ist für die Zukunft
geplant?
Fuchs:
20 Jahre sind eine gute und auch schon lange Strecke - und es
bedarf und benötigte auch viel Auseinandersetzung und auch
Beistand in Form von professioneller Unterstützung (Mediation)
... solange das gute Gefühl - der gemeinsame Erfolg bleibt,
die Lust zusammen weiter auf der Suche zu sein - gemeinsame
Wünsche noch unerfüllt, dann kann es noch weitergehen
... und so planen wir dauch gerade eine neue gemeinsame Reise
- gemeinsam mit GULLIVER!!! ...
Kruse:
Wir sehen uns als funktionierendes Team und doch brauchen wir
auch unsere eigenen Solobereiche. Darin kann jeder seine eigene
Kreativität weiterentwickeln und eigene Ideen umsetzen.
Dadurch erfährt die Zusammenarbeit in "Filou Fox"
eine Bereicherung und bleibt spannend. Für 2010 ist "Gullivers
Reisen" in bewährter Filou Fox-Tradition in Vorbereitung.
16. Gibt es große Wünsche - was sollte Filou Fox
noch schaffen...
Fuchs: Den musikalischen Anteil noch bekannter zu machen
...
glaubhaft weiter Theater zu spielen,
die METRO wieder aufzunehmen;
Kruse:
Eine dritte Musik-CD, ein Fernsehprojekt ...
17. Wovor habt ihr Angst? Gibt es da etwas?
Fuchs:
Etwas vergessen zu haben (Puppenkiste fehlt beim Aufbau!?),
gesundheitlich nicht fit genug zu bleiben (Beispiel: Ausfall
bei Tour - finanzielles Risiko), bei den Fahrten zu verunglücken.
Kruse:
Auszubrennen oder ein Kind zu verlieren.
18. Wünscht
ihr euch, dass eure Kinder den Laden mal übernehmen?
Fuchs:
Oha!
Sagt der Arzt zum Figurenspieler: sie haben nur noch drei Monate
zu leben!!
ABER WOVON? WOVON, HERR DOKTOR!!!
Es ist schön, wenn eine gute Geschichte weitergeht! Aber
wer sie erzählt!?
Ich wünsche, sie finden auch etwas, was ihnen so viel gibt,
wie mir das Theaterspielen!
Kruse: Das wird sich zeigen, keiner muss oder sollte.
Klar wäre es schön, wenn die Geschichte Filou Fox
nach uns weitergehen und neue Spuren hinterlassen werden würde.
19. Wie
sind eure Arbeitszeiten?
Fuchs:
Brutal!! Aber manchmal auch inspirierend!!
Kruse:
Ganz unterschiedlich, nennen wir es Schichtdienst ohne Stundenbegrenzung,
aber doch mehr tagsüber. Manch einer sagt familien- &
sozialkontaktfeindlich.
20. Ist
die Freude auf der Bühne echt? - Wie ist es wirklich!
Fuchs:
Es macht mir nach 20 Jahren nicht weniger, sondern eher noch
mehr Spaß als früher!! JAU!!
Kruse:
Ich glaube, die Freude ist spürbar und das fühlt unser
Publikum, genauso wie das nicht enden wollende Lampenfieber,
der schmale Grad zwischen Siegen und Verlieren, bei jeder Aufführung
sein Bestes geben zu wollen, wie beim ersten und letzten Mal
und das ist auch gut so!
Wir haben uns gegenseitig manchmal gefragt, was wäre, wenn
wir heute sterben würden?
Unsere Antwort: Wir hätten nichts versäumt und würden
alles genau so wieder machen!
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